NETZ.WERK.STADT - Initiative für City.Belebung
Historische gewachsene Stadt- und Ortskerne
Bedeutungsverlust oder Renaissance? - Die Krise als Chance
Gespräch mit Hans Erwin Draxler
Obmann des Vereines NETZ.WERK.STADT, Initiative für Ortskernbelebung
Frage: Mit dem Konstrukt der NETZ.WERK.STADT Citygesellschaft wurde sinngemäß ein Genossenschaftsmodell entworfen, welches den Bedeutungsverlust historisch gewachsener Orts- bzw. Stadtkerne entgegenwirken soll. Die ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem Einzelhandel und der Siedlungsentwicklung fällt auf. Was waren die Beweggründe dazu?
Draxler: Historische Kleinstädte und Marktflecken sind kulturgeschichtliche Juwele, als Herzstück eingebettet und vernetzt mit der umgebenden Region. Sie erfüllten bis vor kurzem die Funktion des sozialen und gesellschaftlichen Mittelpunktes im ländlichen Raum. Die Gründungen gehen auf das Mittelalter zurück, wo die Motive Verteidigung/Sicherheit, Versorgung und natürlich Machtkolonialisierung die Grundlage darstellten. Faktum ist, diese historischen Juwele stellen eine jeweils unverwechselbare, einzigartige Kulissen dar, die bisher multifunktional bespielt wurden, nunmehr jedoch an Bedeutung verlieren. Wahrnehmbar wird dies durch leerstehende Geschäftslokale, dem Verfall Preis gegeben Objekten und dies führt zu einem unattraktiven Gesamteindruck. Auch hat die oftmals scheinbare Idylle des freistehenden Einfamilienhauses über die Wohnqualität in der Kleinstadt obsiegt.
Frage: Befund ist klar, aber wo setzt das Modell an?
Draxler: Der Ansatz ist zunächst der Verbund der Erdgeschoßflächen, dort wo ursprünglich Handel, Gastronomie und Gewerbe ausschließlich zu Hause waren. In einer für Österreich typischen Bezirksstadt befindet sich durchschnittlich ein Verbund von 80-100 Häusern, gegliedert in einer jeweils ortstypischen, einzigartigen Straßen- und Platzanordnung. Innerhalb dieses Verbundes befanden sich bis in die siebziger/achziger Jahre des 20. JH im Erdgeschoß 120 – 150 Geschäfte, Gastronomen und Dienstleister. Zug um Zug mit Zunahme von Mobilität und Kaufkraft entstanden dann in den Bezirksstädten folgerichtig moderne Großvertriebsformen des Einzelhandels, sprich Einkaufs- und Fachmarktzentren bzw. SB-Großmärkte.
Frage: Und diese boomen nach wie vor, während die Innenstädte veröden. Hätte man diese Flächen nicht zugelassen, würde es den Städten doch gut gehen.
Draxler: Zunächst zur Entstehungsgeschichte. Kaufkraft gestiegen, Mobilität gestiegen, Konsumgüterangebot gestiegen – alle profitieren davon. Somit sollte klar sein, dass das Raumangebot innerhalb mittelalterlicher Siedlungsstrukturen nicht mehr ausreichen konnte, die gesamte Produkt- bzw. Angebotspalette unterzubringen. Und so sind sie entstanden, während der letzten 20/30 Jahre. Allerdings unter Außerachtlassung von Raumordnungsgrundsätzen und Überlegungen zur Maßstäblichkeit für die Region. Über Anwendung geschickter rechtlicher Kniffe ist es immer wieder gelungen, Handelsflächen genehmigt zu erhalten mit dem Ergebnis, dass diese Fleckerlteppichagglomerationen einen zweifelhaften Beitrag zur gnadenlosen Zersiedelung vorstädtischer, peripherer Zonen liefern. Ausgelöst von einem falschem Konkurrenzdenken der Kaufmannschaft hat sich ein Gut/Böse Spiel als Paradigma manifestiert, welches eine seriöse raumordnerische Behandlung ebenfalls niemals hat aufkommen lassen, wie eine Diskussion über eine kundenorientierte Gesamt-Organisation der Innenstädte. Insoferne kann man jedenfalls ableiten, dass sich Marktbedürfnisse folgerichtig wie auch immer durchsetzen. Durch diese nicht abgestimmte Raumordnungs-Entwicklung entstanden zusätzlich hohe volkswirtschaftliche (Erschließungs-)Kosten, was jedoch kaum jemanden interessiert. Eine strategisch, bedürfnisorientierte und ebenso ressourcensparende Raum- bzw. Siedlungsplanung gibt es leider nicht.
Frage: Das ist ein subjektiver Befund, die Dinge sind alle bereits passiert – Gewinner sind die Zentren, Verlierer die Städte?
Draxler: Haben die Zentrenbetreiber im Entwickeln ihrer künstlichen Welten eigentlich von den Städten abgeschaut, beispielsweise in Bezug auf Anordnung der Geschäfte, Wegenetz, Betriebstypenmix usw. können Innenstädte nunmehr von den Zentren lernen. Diese sind straff organisiert und übernehmen Jahr für Jahr Marktanteile zu Lasten der Orts bzw. Stadtkerne. Sie bieten rund ums Einkaufen nicht nur einen Branchenmix und Kundenservice wie Gratisparken, sondern vielmehr Entertainment und Freizeitaktivitäten für Jung & Alt an, und haben Erfolg. Vor hundert Jahren hatten Innenstädte nahezu 100% Marktanteil an wirtschaftlicher Wertschöpfung, mittlerweile ist dieser Marktanteil auf rd. 30% geschrumpft.
Frage: Einkaufszentren sind eben „Krebsgeschwüre“, eine vielfach genannte Ursache für den Bedeutungsverlust der Ortskerne. Somit sollte es ausreichen, sämtliche weiteren Errichtungen bzw. Ausbauten zu verbieten und schon geht es den Ortskernen wieder besser?
Draxler: Entschieden NEIN, beide „Welten“ haben ihre Berechtigung und Funktion. Wir sprechen von der Dualität des Einzelhandels. Wichtig ist die Abstimmung des Branchenmixes. Höherwertig und multifunktionaler sind die historischen Kernzonen. Indem jede weitere periphere Entwicklung bzw. Anpassung verboten werden würde, geht es der Innenstadt weiterhin so bisher – nämlich an Bedeutung verlierend. Hier setzen wir an. Bezirksstädte leiden unter Organisationsmangel. Beispiel: Parkgebühren, rigorose Parkstrafen, unterschiedliche Öffnungszeiten, Flächenmanagement – wer kümmert sich darum in den Städten? Letztlich Dutzende Citymanager, jedoch kaum bis gar nicht vernetzt. Das Feigenblatt des Citymarketings hat lediglich zu einer Blüte der Eventkultur geführt, jedoch keine Strukturen für das Funktionieren von Ortskernen geschaffen.
Unser NETZ.WERK.STADT Modell versteht sich als Alternative zu bisherigen Stadtmarketing- bzw. Stadterneuerungsansätzen als ebenso integratives wie partizipatives Vorgehen und wendet sich sachlogisch an die Interessentengruppen Gemeinde, Hausbesitzer und Unternehmer. Indem diese ebenso professionell wie partnerschaftlich zusammenarbeiten, entsteht die City-Gesellschaft, das Konstrukt einer gemeinnützigen ARGE. Diese ARGE verfolgt nach Durchführung eines Citycheck`s die Detailausarbeitung und Umsetzung des aufgezeigten Lösungsansatzes, gegliedert nach den 4 A-Bausteinen. Das Thema dieser 4 A-Bausteine sind Kundenbedürfnisse, diese sind jahrelang erforscht, untersucht und bekannt. Als organisatorische Hilfestellung wurde das NETZ.WERK.STADT Praxishandbuch entwickelt, zur Betriebsführungs-Organisation des Stadtkernes. Es unterstützt mit einfachen Werkzeugen die Partner Gemeinde, Hausbesitzer und Unternehmer um den Stadtkern im Sinne einer zeitgemäß verstandenen Gemeinnützigkeit zu managen.
Frage: Nun sagen aber viele Experten, das Match sei gelaufen – der Handel findet eben in künstlichen Zentren statt, Innenstädte sollen sich was anderes überlegen.
Draxler: Durchaus interessant, es gibt immer eine zweite Möglichkeit. Das ist aber nicht unser Thema. Wir verfolgen eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufwertung der historischen Kleinstädte, ohne Ausgrenzung der Einkaufs- und Fachmarktzentren. Denn damit würde man ja auch deren Kunden ausgrenzen, somit auch die eigenen, zumal bekannterweise Kunden drinnen und draussen einkaufen. Arbeitgeber der Stadtkerne sind Bewohner, Kunden und Gäste. In unserem Ansatz spielt das kundenorientierte Auftreten des Ensembles von Betrieben des Handels, der Gastronomie und Dienstleistung die wesentliche Rolle. Hausbesitzer sind „Hard-Ware-Lieferanten“, die wieder in die Lage kommen, moderate Renditen zu erwirtschaften. Kommunen steuern das Thema Parken, Verkehr und das Erscheinungsbild des öffentlichen Raumes. Gut aufgestellt sind Kleinstädte dann noch besser als touristische Gesamtsehenswürdigkeit im Geschäft. Alles vor dem Hintergrund der Multifunktionalität von Wohnen, Soziales, Kultur, Verwaltung in den Kleinstädten.
Frage: Was hindert die Umsetzung?
Einfach zusammengefasst: Der Zeitgeist. Auf politischer Ebene sind Konzepte, deren Umsetzung einerseits eine breite
Meinungsbildung, das Prinzip Selbstverantwortung und Gemeinschaftssinn voraussetzen, anderseits langfristig angelegt sind, kaum gefragt. Auf persönlicher Ebene, sprich bei den einzelnen
Kaufleuten bzw. Hausbesitzern, werden Vorgehensweisen, wo Teilbereiche für den Erfolg durch abgestimmtes, gemeinsames Vorgehen erforderlich ist, geringschätzig bewertet. Aus diesem Grund sind
Förderprogramme etwa auch auf vergleichsweise einfach zu realisierende Gründer- und Innovationszentren – übrigens auch auf der sogenannten „Grünen Wiese“ angesiedelt, abgestellt. Für Innenstädte
hat zwar auf Europa-Ebene die Schiene EFRE Förder-Programme vorgesehen, nur bedarf es einer nationalen Willensbeildung, diese ins Programm aufzunehmen. Nachdem sich jedoch die Wirtschaftskammer
als Interessensvertreter diesem Ansatz näher getreten ist, bleibt zu hoffen, dass die gemeinnützigen Interessen für die Kleinstadt zu einem politischen Lobbying führen. Auch müssen die Banken
noch dahingehend überzeugt und sensibilisiert werden, dass bei entsprechender Organisation das "Betätigungsfeld Innenstadt" durchaus moderate Immobilienrenditen erwirtschaften lässt.
An dieser Stelle möchte ich mich auch beim Obmann der Sparte Einzelhandel, Wolfgang Sauer, herzlich bedanken. Seinem hemdsärmeligen, praxis-bezogenem Engagement ist es zu verdanken, dass dieses Thema nunmehr einer breiteren Diskussion zugeführt wird.
Frage: Unter Wolfgang Sauer wurden heuer gemeinsam mit NETZ.WERK.STADT in der Steiermark Pilotprojekte gestartet. Welche Standorte sind mit dabei?
Draxler: Im ersten Halbjahr 2011 wurde in Voitsberg, Mureck, Hartberg und Fürstenfeld begonnen. Bad Radkersburg und Bruck an der Mur sind in der Startphase. Aus der Aktivität in Voitsberg hat sich die Aufnahme in die Kleinregionsentwicklung für die Ortskerne von Köflach und Bärnbach ergeben, dies bereits eingebettet in ein EU-Vorhaben. An sämtlichen Standorten trifft unser Ansatz den Nerv, und bemerken wir eine positive Gruppen-Dynamik, die sich nach wenigen Wochen einstellt.
Frage: Ihr abschließender Wunsch?
Draxler: Physische Orts- und Stadtkerne können selbst nicht sprechen. In den Gemeinden, wo wir begonnen haben, ist eine erste Sensibilisierung erfolgt. Vom Bürgermeister über die Unternehmerschaft bis zu den Immobilienbesitzern. Auch erreichen wir die Filialisten. Nunmehr ist die Politik gefragt, um das Thema der Orts- bzw. Stadtkernbelebung auf die bestehenden EU-Programme hinzuführen.
Dr. Stephan Mayer-Heinisch, Sprecher & Obmann-Stellvertreter;
Präsident des Östereichischen Handelsverbandes
Wolfgang Sauer, 2008 - 2012 Obmann der Sparte Handel WK Steiermark, Beirat NETZ.WERK.STADT